Brauchen Fotografen ein Archiv?

Wer bisher noch nicht gefragt wurde, waren die Fotografen.

Die Fotozeitschrift "ProfiFoto" hat im Dezember 2019 eine kleine Umfrage bei verschiedenen Fotografen durchgeführt. Folgende Fragen sollten beantwortet werden:

1. Haben Sie ein Archivsystem, dass auch für andere verständlich ist oder nur für Sie selbst?
2. Was soll nach Ihrem Tod mit Ihrem Fotoarchiv geschehen?
3. Brauchen wir eine deutschlandweite „Zentrale“, in die Fotografenarchive aufgenommen und betreut werden?


"In den letzten Jahren wurden so viele Fotos erstellt, die Welt ist durchfotografiert. Alles ist hunderttausendfach vorhanden."
Harald Schmitt (Fotograf)


1. Haben Sie ein Archivsystem, dass auch für andere verständlich ist oder nur für Sie selbst?

"Meine Raw-Dateien sind auf externen Festplatten in Ordnern mit Datum und grober Inhaltsbeschreibung gespeichert. Zum Archivieren benutze ich Lightroom. Die Fotos lassen sich mit Hilfe von Stichworten filtern...Ich gehe davon aus, dass das Archiv mit Einschränkungen auch für Außenstehende nutzbar ist.” Hartmut Schneider, Fotograf

Die meisten Fotografen sortieren wahrscheinlich so ihre Bilder. Das ist bequem, einfach und schnell. Nur: Das ist kein Archiv, sondern nur eine Arbeitsstruktur, vorgegeben und angepasst an eine Fotoverwaltung.

So hat Oma Gerda auch ihre alten Bilder sortiert - alles in eine große Kiste und dann wird zum Kaffeetrinken drin rumgewühlt: "Sieh mal, da warst Du erst 5 Jahre alt! Oder schon sechs?". Dann dreht Oma Gerda das Bild um und hofft auf der Rückseite mehr Informationen zu finden: "Managed by Schuhkarton"!

Erstaunlicherweise glauben viele Fotografen, das Dritte sehr gut mit ihrem "Ordnungssystem" klarkommen würden. Probiert es bitte vorher mal aus - nicht mit dem Assistenten, sondern vielleicht mit einer Schriftstellerin, einem Lehrer oder, oder!

Hier ein paar Tips für die Vorbereitung und Umwandlung eines Foto-Katalogs in ein Foto-Archiv:


Checkliste für Fotografen

  1. Hast Du Deine Bilder in einem Archiv-Datenformat gespeichert? : Bild_300dpi_sRGB.tiff (Beachte dabei auch das Verhältnis Bild-Abmessung-Auflösung-Speicherplatz)
  2. Haben Deine Bilder "informative (sog. selbstsprechende) Dateinamen"?: bspw. 20200512_SP_Anja_Krause_1234img.tiff
  3. Haben Deine Bilder sinnvolle und ausreichende Metadaten? (Wo, was, wer..usw.) und sind diese Metadaten im IPTC/XMP-Standard auch eingebettet?
  4. Hast Du eine Vorauswahl getroffen - bspw. "Mein Archiv-Album"? oder besser: sogar eine thematische Auswahl?
  5. Erzählen Deine Bilder eine Geschichte? Oder sind sie Teil einer Serie? Welchen Nutzen können Deine Bilder für ein Museum, ein Archiv oder für die Geschichte Deiner Stadt haben?
  6. Sind Deine Bilder auf einem Archivmedium (bspw. M-Disc im UDF-Format) oder auf einer Festplatte? Ist Deine Festplatte entsprechend für einen einfachen Datenzugriff formatiert (exFAT)?
  7. Hast Du für Deine Bilder eine MD5-Checksumme berechnen lassen?
  8. Hast Du die Katalogdatei mit dem Programm beigefügt?
  9. Hast Du von Deinem Fotoarchiv eine Datensicherung? (Für alle Fälle ;-)
  10. Wie gut ist Dein Foto-Archiv dokumentiert? Bspw.: Deine Schlagwortdatei.txt, Notizen zu den Aufnahmesituationen usw.

2. Was soll nach Ihrem Tod mit Ihrem Fotoarchiv geschehen?

"Was ich für interessant halte wird digitalisiert, es wird verkauft was geht, der Rest wird entsorgt."
Wolfgang Burat, Fotograf

Für die meisten Fotografen ist das Projekt "Archiv" eher eine unliebsame, zeitraubende Tätigkeit. Außerdem gibt es selten staatliche Fördermittel oder Hilfe von Institutionen dafür. Ein Foto-Archiv kann nur mit viel persönlichen Engagement aufgebaut werden: ein Fotograf muss dafür Bilder aussortieren, nachbearbeiten, verschlagworten, auf weiteren Medien sichern. Ein Fotograf ist heute Einzelunternehmer, Fotograf natürlich, ein Fotolabor, eine Werbeagentur, ein Computerspezialist, ein Webmaster und ein Archivar. Ein Fotograf muss heutzutage nicht nur fotografieren können, sondern auch Bilder bearbeiten und retuschieren, Dateien kopieren, sichern, Bilder verwalten, auf DVD sichern, Kunden anrufen...

EIN ARCHIV kostet Zeit und auch Geld. Diese Zeit fehlt für neue Aufträge. Ein Fotoarchiv ist eigentlich für viele Fotografen eher ein Verlustgeschäft.

"Idealerweise sollten Fotografen-Nachlässe meiner Meinung also dahin, wo sie weiter lebendig bleiben, zu Institutionen, die Fotografien einerseits gut konservieren und im besten Falle verschlagworten, und andererseits das Werk der Öffentlichkeit durch Veröffentlichungen wie Buchpublikationen und Ausstellungen zugänglich machen.”
Bettina Flitner, Fotografin

Anscheinend konnten die verschiedenen Gedächtnisinstitute - Museen, Archive, Bibliotheken - noch kein überzeugendes Konzept ausarbeiten und anbieten, was mit den Bildern eines Fotografen nach der Aufnahme ins Archiv geschieht! Die meisten Archive oder Museen besitzen weder die Aussattung noch die Erfahrung für entsprechende FineArts-Prints von digitalen Dateien. Bei Vergrößerungen analoger Negative wird es nicht besser aussehen.
Neben Mitarbeiter für eine wissenschaftlichen Aufarbeitung benötigen die Gedächtnisinstitute auch das handwerkliche Personal für eine aktive, visuelle Kultur und die Fähigkeit, Bilder wieder zum Leben zu erwecken.

Aber haben nicht alle Fotografen ein Foto-Archiv?
Fotografen nutzen häufig Programme wie CaptureOne oder Adobe Lightroom, um ihre Bilder zu verwalten und zu bearbeiten. Die Katalogdatei (eigentlich eine Datenbank-Datei) kann nur mit dem Erstellungsprogramm geöffnet werden. Hinzu kommt, das die Bilddateien selbst nicht vollständig archivsicher sind (keine Metadaten eingebettet, keine MD5-Cheksumme, keine XMP-Sidecar-Datei usw.). Dazu fehlt häufig ein Backup-Konzept und das Fehlen von Archivsicherungen. Ja, Fotografen haben Arbeitskataloge und nein, das sind noch keine fertigen Archive.

Sind denn nicht alle Bilder gleich?
Eine klassische, dokumentarische Bild-Reportage zu fotografieren ist aufwendig, zeitintensiv und wenig lohnenswert. Die Fotos einer Alltagsreportage mögen Besucher eines Kunstmuseums faszinieren, wird aber immer mehr ein Hobby weniger Enthusiasten.
Die Bildanzahl ist meist im mittleren Bereich. Das Ziel ist eine Ausstellung (FineArt-Print) oder Veröffentlichung in Buchform.

Wer für eine Tageszeitung Schnappschüsse fotografiert, wird wenig Zeit für eine umfangreiche Archivierung des Bildmaterials und der Bilddateien aufbringen. Die wirtschaftliche Auswertung erfolgte schon bei der Zeitung und eine weitere Nutzung eines Fotos ist meist wegen eines Sperrvermerks erstmal nicht erlaubt. Die Bildanzahl ist entsprechend hoch. Das Ziel ist immer zuerst eine Veröffentlichung.

Ein Fotostudio hingegen hat einen ganz anderen Workflow, weniger Bilder, mehr Nachbearbeitung und das Interesse bspw. für ein Produktfoto eines Smartphones, auch wenn das Motiv selbst einen gewissen Zeitgeist verkörpert, ist bei Museen eher gering.

Was bei allen Nutzungsarten ein rechtliches und wirtschaftliches Risiko für Fotografen darstellt: durch die umfangreichen Rechte Dritter am Bildmaterial (wie bspw. Persönlichkeitsrechte, Leistungsschutzrechte usw.), ist eine spätere Weitergabe und Nutzung der Bilder - bspw. für eine Ausstellung im Museum oder die wissenschaftliche Auswertung - zeitnah zumeist ausgeschlossen oder soagr untersagt.

"Hier bietet sich eine Institution an, die in ihrer thematischen Ausrichtung dem Werk des Fotografen am ehesten entspricht. Die dauerhafte Archivierung, weitere Vermarktung und Veröffentlichung sollten Ziel der Institution sein. Die Frage stellt sich, ob das jeweilige Gesamtwerk, oder nur Auszüge öffentlich gemacht werden"
Eike Pantzer, Leiter des Stern-Bildarchivs (2006-2018)

3. Brauchen wir eine deutschlandweite „Zentrale“, in die Fotografenarchive aufgenommen und betreut werden?

"Was wir brauchen, ist ein breites kulturelles Bewusstsein dafür, dass Fotografie die Basis von Geschichte darstellt, und dass es sich keine Stadt, kein Bundesland leisten kann, auf fotografische Zeugnisse – und seien sie noch so ephemer wie etwa Passbilder oder Bildreproduktionen – als Grundlage der eigenen Position in der Welt zu verzichten."
Rolf Sachsse, Autor, Kurator, Berater

"Die Stärke der historischen Forschung liegt in der Streuung der Provinz... Es gibt in der Bundesrepublik ganz hervorragende Stadt- und Landesarchive, die perfekte Arbeit bei der Aufnahme fotografischer Nachlässe leisten..."
Rolf Sachsse, Autor, Kurator, Berater

"Eine deutschlandweite Zentrale für Fotografennachlässe wäre sehr sinnvoll. Denn unabhängig vom künstlerischen Gehalt eines Werkes geht es ja gerade bei Fotografen auch darum, dass zeitgeschichtlich aufschlussreiche Dokumente entstehen. Und die werden in einer zunehmend visuellen Welt immer bedeutsamer zum Beschreiben einer Epoche."
Bettina Flitner, Fotografin

Link: www.profifoto.de- Wie umgehen mit dem eigenen Fotoarchiv
Datum: 14. Dezember 2019